Meine „Schminksucht“ ungeschminkt

In meinem letzten Text schrieb ich, dass ich mich nicht mehr unter Schminke verstecke. Das war für mich ein erster Schritt, meinen Vorsatz für dieses Jahr umzusetzen, über meine „Schminksucht“ und den „Entzug“ und wie mich das alles zum Thema Selbstliebe führte, zu berichten.

Schminke ist für mich noch ein teilweise sensibles Thema und auch nichts, was ich komplett ablehne. Ich bin kein Fan von Extremen. (Auch wenn mir persönlich ein Gegenextrem oft hilft, um dann meinen gesunden Mittelweg zu finden, z.B. was eine vegane Lebensweise oder ethisch korrekte Kleidung betrifft.)

Auf meinem PC fand sich ein Dokument von vor einem Jahr, in dem ich die Ereignisse und Folgen einer für mich in vielerlei Hinsicht verändernden und weggebenden Nacht zusammenfasste. Der Text ist roh und ungeschminkt.

Er birgt einen großen Schmerz, den ich versucht habe, weder zu „überdramatisieren“ noch zu zensieren. Ich habe ihm ein Ende gegeben, das noch fehlte. Ansonsten nicht viel gekürzt, denn genauso schreibe ich einfach gerne.

Mit vielen Worten und Tiefe.

Versteh das hier bitte als eine Art „Trigger Warnung“

„Wir sitzen im Zug. Die wandernde Sektflasche ist noch halb voll. Trotzdem kichern wir bereits unaufhaltsam. Wir sind zu viert. Tragen enge Hosen und knappe Oberteile. Ein paar flimmernde Stunden voller Tanzen und Alltagsvergessen stehen uns bevor.

Ich blicke in die Gesichter der anderen Mädchen. Sie weisen einen makellos gepuderten Teint auf, wie meines. Konturierte und sorgsam betonte Züge, wie meines. Mit Farbe bemalte Lippen, dunkel schattierte Augen, wie meines.

Alle bis auf eines.

Sie zieht einen Taschenspiegel hervor und überprüft ihr ungeschminktes Lächeln. Erst jetzt fällt mir auf, dass sie nicht wie sonst aussieht. Fragend hebe ich die Brauen. Während sie erklärt, wächst meine Bewunderung für sie. Für ihre innere und äußere Schönheit. Und auch wenn mir aufgefallen war, dass sie in letzter Zeit weniger geschminkt in der Schule erschien, so ist es doch ungewöhnlich, sie so „nackt“ auf dem Weg in einen Club zu sehen.

Sie wolle das ganz bewusst zu diesem Anlass ausprobieren, wo jeder andere sich besonders stark schminke. Und falls sie sich unwohl fühle, habe sie ihre Schminktasche dabei. Sie habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht und sich von Youtube Videos inspirieren lassen. Sie ermutigt mich, es doch auch mal auszuprobieren.

Einen Tag in der Öffentlichkeit ungeschminkt.

Allein der Gedanke löst starkes Unwohlsein in mir aus. Ich will dem Vorschlag keine weitere Beachtung schenken.

Stunden später. Während ich zu längst verklungen Bässen tanze und mein Gesicht von dem Gefängnis seines einstigen Schutzes befreie, arbeiten ihre einfachen Worte unaufhörlich in mir. Das bunte Geschmiere auf den Abschminktüchern ist nicht viel stärker als mein „Alltags Make-up“, das von den Beautygurus aus dem Internet als „natürlicher Look für Schule und Uni“ bezeichnet wurde. Jetzt frage ich mich, was daran natürlich ist, mein Gesicht mit neuen Konturen optisch zu verändern.

Wann war ich das letzte Mal ohne Maske draußen gewesen? Machte ich mir selbst etwas vor, wenn ich behauptete, dass an dem Schminken ja nichts Schlimmes sei? Ich es immerhin für mich selber täte, weil es mir Spaß machte, nicht um anderen zu gefallen? War ich süchtig nach dieser falschen Perfektion?

Ich höre auf zu tanzen. Nackte Wahrheit blickt mir aus dem Spiegel entgegen und Antworten strömen auf mich ein. Und als sich Gedanken neuformieren und Meinungen sich bilden, dringt das lange ungehörte Echo meiner eigenen Stimme an mein Ohr.

Ich will mich so mögen, wie ich bin! Ich will mich so mögen, wie ich bin! Ich will mich so mögen, wie ich bin!

Ich blicke zurück auf mein elfjähriges Ich, das mittels Puder versucht, ein bisschen an Farbe zu gewinnen. Als eine Freundin behauptet, keinen Unterschied zu merken, komme ich zu dem Schluss, dass sich hässlich sein nicht verstecken lässt. Und hässlich, das bin ich ganz gewiss. Nicht mal mit fünf konnte ich meinem großen Vorbild Cinderella ähneln – welche Prinzessin muss schon eine Brille tragen? Und dann glaubte ich zu erkennen, dass es nicht die Brille ist, die mich entstellt. Ich war einfach hässlich.

Ich ertrug es schwer, Fotos von mir zu sehen, sind sie doch der Beweis meiner Hässlichkeit – so müssen mich die Menschen also sehen.

Tapfer versuchte ich, mich mit meiner Hässlichkeit abzufinden und optimistisch zu sein. Immerhin weiß ich nun, dass meine Freunde mich wegen meines Charakters mögen, dachte ich und hielt mich an dieser Wahrheit für die nächsten Jahre fest. Während Wimperntusche, Abdeckstift, Concealer, Rouge, Bloush, Highlighter, Lipliner, Lippenstift und Lidschatten das alltägliche Pflichtprogramm ergänzten.

Perfektion machte mich süchtig.

Der nächste Tag ist ein Feiertag. Befreundete Familien kommen zum Essen. Und zum ersten Mal seit Jahren nehme ich an einer solchen Veranstaltung ungeschminkt teil. Ich fühle mich unwohl. Meine Blöße ist mir in jeder Sekunde nur allzu deutlich bewusst.

Und obwohl ich Kleidung trage, habe ich mich nie zu vor so nackt gefühlt. Entblößt. All meine Makel für jeden offen und zugänglich.

Das Echo von: „Ich will mich so mögen, wie ich bin“, lässt sich, einmal an der Oberfläche, nicht mehr abdecken. Und so lasse ich meine Haut frei, meine Augen betone ich weiterhin.

Meine durch die Erdölanteile in meiner Kosmetik in Schach gehaltene Akne bricht stärker aus.

Zwei Wochen später werde ich mitfühlend von einer Siebenjährigen gefragt, ob ich die Windpocken bekommen hätte.

Auch die folgenden Wochen sind harte Proben für mein Selbstwertgefühl. Ich lese viel über die Inhaltsstoffe meiner Produkte und versuche, meine Haut natürlich zu heilen. Sehe meinem Hautproblem endlich ins Auge.

Außerdem all den im Kaufrausch erstandenen Produkten, die mich in Wahrheit gar nicht selbstbewusster und glücklicher machten. Sondern mir Pinselstrich für Pinselstrich, Schicht für Schicht, mein Selbstbewusstsein in Bezug auf mein Äußeres nahmen. Mich abhängig und süchtig machten.

Kurz darauf beginnt mein Auslandsjahr und aus Respekt meiner Gastfamilie und ihrer religiösen Ausrichtung gegenüber lege ich auch den letzten Rest Augenmakeup ab. (Von mir ausgehend!)

Meine Haut wird schlimmer als je zuvor und oft erkenne ich mich selbst nicht im Spiegel.

Eine handvoll Male halte ich es nicht aus und decke zumindest ein wenig meiner Haut ab. Was ich stets bereue, da es alles nur wieder verstärkt.

Ich lerne in diesem Jahr so einiges über mein geringes Selbstwertgefühl und meine Prägung im Bezug auf Schönheitsideale. Doch das ist, genau wie mein Weg raus aus der Akne, eine andere Geschichte. (Die ich bei Interesse auch aufschreiben werde.)

Der Tag, an dem meine Freundin mich dazu inspirierte, einfach mal ungeschminkt zu sein, liegt über zwei Jahre zurück. Der Entzug war eine sehr wechselhafte Zeit, in der ich mich langsam und wirklich sehr vorsichtig – mit viel Feingespür auf mein Selbstwertgefühl – an einen für mich gesunden Umgang mit Schminke heran arbeitete.

Wenn ich heute Lust verspüre, meine Augen zu betonen, dann setzte ich mich ganz ehrlich damit auseinander, welches Bedürfnis dahinter steht.

Mache ich es aus einem guten Gefühl heraus, weil es mir Freude bereitet?

Oder aus einer Unsicherheit und einem Gefühl von Müssen heraus?

In jedem Fall achte ich darauf, dass es nicht zur Gewohnheit wird. Ich mich nicht daran gewöhne, anders auszusehen, als ich bin. Mit meinem neu gewonnenen Selbstwertgefühl möchte ich achtsam umgehen.

Sich zu schminken ist nicht per se schlecht und hat gewiss nicht auf jeden den Effekt, den es auf mich hat. Trotzdem kann ich jedem generell empfehlen, die eigenen Gewohnheiten zu hinterfragen und auf die eigenen Gefühle und Beweggründe zu achten.

Das kleine Happy End dieser Geschichte ist, dass sich mein Wunsch, mich so zu mögen, wie ich bin, teilweise erfüllt hat. Für mich war und ist es ein weiter Weg von Selbstakzeptanz zu Selbstliebe. Doch es ist ein Weg, den ich mir wert bin, zu gehen.

Und vielleicht gehen wir ihn ja gemeinsam!

Mit ganz viel Liebe,

Marlies

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