Per Anhalter durch Irland

Die Arbeiten im B&B erledigten sich meist innerhalb von zwei bis drei Stunden. Danach lockte der Ruf der Freiheit und Irlands vielfältige Landschaft uns nach draußen. Blöd nur, dass öffentliche Verkehrsmittel rar und teuer gesät sind.

Wir hatten bereits von einigen gehört, dass „hitchhiken“ in Irland eine gängige Art der Fortbewegung sei. Unser host Bernie lobte es in hohen Tönen und überzeugte uns schließlich davon es auszuprobieren.

„You know it in your tummy. There are always bad apple in the applebag, but most people are really good and will give you a lift. Just do not go into the car if your tummy says no!“

Wir tasteten uns langsam ran. Zuerst nur ein paar Kilometer zur nächsten Stadt und wieder zurück. Ein richtig merkwürdiges Gefühl, etwas zu tun, von dem man doch immer gewarnt worden war.

Wir hielten unsere Daumen nur raus, wenn uns das Auto bzw. die Umrisse des Fahrers zusagten. Das mag nun reichlich oberflächlich klingen, aber ich hatte meine strenge „keine Lieferwagen etc.“ Regel, begründet auf Schauergeschichten von Händen, die auf Oberschenkel wandern. Hielt ein Auto, schauten wir uns an „Mitfahren oder nicht? Was sagt dein Gefühl?“

Wir fuhren nicht einfach bei jedem mit. Hatten wir ein ungutes Gefühl, lehnten wir das Angebot ab, was einmal passierte.

Im Vorfeld waren wir dankbar dafür, total nette Leute kennenzulernen, bei denen wir uns wohlfühlen würden.

Es trat genauso ein. Unsere erste Mitfahrgelegenheit fuhr unseretwegen sogar einen Umweg und das sollte nicht das letzte Mal gewesen sein.

Zuvor war ich nur einmal für ca. 3km in Finnland getrampt. Ich weiß nicht, ob ich es in Deutschland täte. Dort fühlt es sich eher gefährlich an, aber ist es wirklich gefährlicher als hier? Auf jeden Fall ungewöhnlicher heutzutage.

Ich würde trampen in Irland weiterempfehlen, aber allgemein nur an Leute, die einen guten Kontakt zu ihrem Instinkt haben. Ich weiß für mich einfach, dass ich mich auf mein Bauchgefühl verlassen kann und ich war nicht allein. Deswegen gab es für mich keinen Anlass zum Angsthaben.

Ich bin unglaublich dankbar für die tollen Erfahrungen, die uns das Trampen geschenkt hat und noch schenken wird.

Teil 2

Wie wir eines Tages mit einem Sanitäter, drei kichernden Franzosen, einem jungen Elektriker, einem pakistanischen Takeaway-Besitzer, einem Poesiebegeisterten und schließlich einem Lexusfahrenden Whiskeyhersteller und seinem eigentlich in New-York arbeitenden Sohn mitfuhren.

Ermutigt und bestärkt durch Bernies Zureden vertrauten wir weiter darauf, immer die perfekte Mitfahrgelegenheit zu erhalten.

Am nächsten Tag trampten wir vom Museum aus zurück und lernten so eine Deutsch-Irischefamilie kennen.

Die neu gewonnene Freiheit und der Geschmack von Abenteuern beflügelten uns an unserem freien Tag dazu, eine Insel zu besuchen. Hierbei entstand oben genannte Liste. Fünf Mitfahrgelegenheiten auf dem Hinweg. So erkundeten wir verschiedene Orte der Insel. Manchmal liefen wir für längere Zeit am Straßenrand und bewunderten die Landschaft. Einmal war ich mir meiner Gefühle unsicher, erkannte aber schnell, dass sie aus meinen unbewussten Vorurteilen dem östlichen Aussehen gegenüber und der Stimmmelodie des Fahrers herrührten.

Ein anderes Mal riss ich die Beifahrertür so stürmisch auf, dass sie am Bordstein stecken blieb. Das war so unangenehm! Der von der Nachtschicht heimkehrende Sanitäter war total gelassen angesichts der Tatsache, dass ein deutsches Mädchen gerade seine Autotür beschädigte. Erst durch sachtes vor- und zurückfahren gepaart mit unangenehmen Kratzgeräuschen löste sich die Tür. Während dieser unendlich langen Minute hatte ich im Geiste bereits mit meiner Haftpflichtversicherung telefoniert (die mich freundlicher Weise daran erinnerte, dass ich nicht mehr versichert war) und Juli ihr bestes gegeben, nicht vor unterdrücktem Lachen zu ersticken.

Einmal kam ich von der Toilette zurück und Juli hatte uns nichts ahnend einen Lexus angelächelt. Der irische Whiskeyhersteller und sein Sohn fuhren uns bis nach Hause. Ich glaube, ich war noch nie in einem mit beigen Teppichen ausgelegten Wagen mitgefahren. Auch für den Teppich waren schmutzige Wanderschuhe ein Prämiere. Besonders schön an diesem Erlebnis war, dass wir zuvor dankbar dafür waren, eine Mitfahrgelegenheit bis nach Hause zu bekommen und schwuups da kam sie.

Liebste Grüße von zwei alten Trampern,

Marlies mit Juli

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