Davon wie ich meinem Bauchgefühl vertraute

Der Sturm hat sich gelegt. Er ist noch nicht vorüber gezogen, aber ich kann wieder klarer denken. Kann genießen, am Leben zu sein. Am Montag ist mir das passiert, wovor sich viele fürchten, wenn sie von dem hören, was ich mache. Ich bin – nach zwei tollen workaway Erfahrungen – bei meinem dritten host angekommen. Und noch am selben Tag gegen 19 Uhr wieder abgereist.

Ich will erzählen, wie es dazu kam.

Montagmorgen verließ ich den Reiterhof mit all seinen Tieren und lieben Menschen. Und damit auch Sizilien. Mit dem Zug und der Fähre reiste ich aufs Festland. Wenn ich ehrlich bin, begannen die komischen Gefühle schon etwas eher. Im Chatverlauf mit meinem nächsten host. Ich fand die Nachrichten etwas merkwürdig, schob das aber auf fehlende Englischkenntnisse und die italienische Art sich auszudrücken. Doch als ich ankam, hörte das komische Gefühl nicht auf, ich redete mir für die erste Stunde – in der man mich ohne Pause in Beschlag nahm – ein, ich sei einfach völlig übermüdet. Ich kann keine Horrorgeschichte erzählen, weil nichts eskalierte. Es waren viel mehr innerhalb kürzester Zeit einige Kleinigkeiten, die mir ein ungutes Gefühl verschafften. Auch diese wären noch akzeptabel gewesen, hätte ich nicht den immer stärker werdenden Eindruck gehabt, dass mein host ein wenig neblig ist. Ich war mir die meiste Zeit nicht sicher, ob sie verstand, was ich sagte und das nicht auf einer sprachlichen, sondern intellektuellen Ebene. Jetzt noch fällt es mir schwer, die Erfahrung als anders als komisch zu beschreiben. Und zwar komisch in einem durchaus negativen Sinne.

Als ich endlich ca. zwei Stunden bis zum Abendessen für mich zum Ausruhen hatte, nahm ich mir vor, mich erst einmal zu beruhigen und dann weiter zu sehen.

Ich nahm eine Dusche und konnte die Tränen nicht mehr aufhalten. Ich fühlte mich extrem unwohl in “meinen” Räumlichkeiten und mit der Aussicht, länger dort zu bleiben. Ich rief Mama an in der Hoffnung, sie würde mir erklären, dass ich nur übermüdet sei und überreagieren würde.

Ich glaube fest an unsere innere Wahrheit und an die Verbindungen zwischen Menschen, besonders zwischen Müttern und ihren Kindern.

Deswegen war mir sofort klar, dass ich nicht überreagierte, als meine Mutter mir gestand, von Anfang an ein ganz ungutes Gefühl gehabt zu haben. Als ich ihr im Vorfeld erzählte, wo ich als nächstes hingehen würde. Sie hätte es meinem Vater und anderen gestanden, aber gemeint, es wäre natürlich Unsinn und ihre Sorge unerklärbar. Mir sagte sie am Telefon, sie hätte sich große Sorgen gemacht, dass es mir dort nicht gut gehen würde und noch etwas schlimmeres, dass sie mir nun aber nicht erzählen wolle.

Wir beschlossen, dass ich sofort abreisen würde. “Lass dich auf keine Diskussionen ein und meld dich sobald wie möglich”. Ich schickte ihr und schnell noch ein paar Anderen meinen Standort. Denn mein Bauchgefühl zusammen mit dem meiner Mutter und die Tatsache, dass das Grundstück komplett verschlossen war, machten mir nun wirklich etwas Angst.

Meinen Rucksack zu packen dauerte nicht lange. Ich hatte mich vorher nicht nach auspacken gefühlt. Ich rief eine meiner Schwestern an und bat um Hilfe bei der Suche eines Hostels.

Mit geschultertem Rucksack führte ich das Gespräch mit dem host. Es lief friedlich ab und doch bestätigte ihre Reaktion (komplettes Unverständnis und ein langgezogenes Hä noch bevor ich einen Satz beendet hatte) mich in meiner Entscheidung zu gehen.

Zufälligerweise war ich auf dem Bahnhof zuvor einer ehemaligen workawayerin begegnet, die mich ermahnte, ich könne einen host jederzeit verlasse, das sei mein Recht.

Und wie ich so zu Fuß dem Grundstück den Rücken kehrte, überkam mich die Ahnung, dass es jetzt erst richtig losgehen würde. Mein Abenteuer. Jetzt war ich auf mich gestellt, ohne Verpflichtungen und Aufpasser. Ich fühlte mich groß und stark, weil ich meiner Intuition gefolgt war und dieses unangenehme Gespräch geführt hatte. Während ich die Kilometer bis zum Zentrum zurück legte, schien mir mein Rucksack federleicht und volles Vertrauen in mich und meinen Weg füllte mich aus. Gepaart mit einer gehörigen Portion Adrenalin.

Für mich heißt Alleinreisen nicht, dass ich alles allein bewältigen muss. Ich muss mir und niemand anderem mehr beweisen, dass ich unabhängig und selbstständig bin. Im Gegenteil, ich finde es unendlich kostbar, dass egal wo ich bin und egal wie es mir geht, ich ein Netzwerk an Familie und Freunden habe, deren Hilfe nur einen Telefonanruf entfernt ist.

Umso näher ich dem Zentrum kam, umso mehr Touristen kreuzten meinen Weg. Ich fragte sie nach ihrer Unterkunft und traf schließlich auf einen netten Gleichaltrigen, der mir weiterhelfen konnte. Er zeigte mir seine Unterkunft, die sauber, preiswert und relativ zentral gelegen war. Ich checkte mit ein paar italienischen Wortfetzen ein und blieb dort bis Mittwochmorgen.

Anschließend zog ich auf einen Campingplatz um. Hier bin ich direkt zwischen Meer und Stadtzentrum gelegen. Der Strand ist so nah, dass ich zum Zähneputzen runtergehen könnte. Ich habe einen komplett eingerichteten Bungalow mit Außenküche und Badezimmer für mich. Alles für 20 Euro die Nacht. Und obwohl das alles superschön ist und ich mich eigentlich schon seit längerem nach viel Zeit für mich zum Reflektieren, Träumen, Schreiben, Lesen, Bewegen sehne – schwankt meine Gefühlswelt noch zwischen “Das Leben gibt mir immer das, was ich brauche, hach bin ich dankbar” und “Was soll ich nur tun, wo soll ich hin, ich weiß nicht was ich will und was das richtige ist und wo ich morgen sein werde”. Aber da muss ich jetzt einfach durch und ganz tief in mir freue ich mich über all die neuen Dinge, die ich durch diese Situation lernen kann.

Vor allem wie eine Freundin gestern sagte: “Deine Intuition wird dich nie betrügen”. Und damit hat sie verdammt nochmal Recht! Ich bin froh und dankbar darüber, letztendlich auf meine gehört zu haben.

Ich hoffe, Du kannst daraus mitnehmen, dass man auch nach einem Griff ins Klo das Beste rausfischen kann! (Funfact: Letztens musste ich wirklich ins Klo fassen, weil ich das Schildchen “Bitte kein Papier reinwerfen” übersehen hatte)

Danke fürs Lesen und die Anteilnahme,

Deine Marlies

3 Kommentare zu „Davon wie ich meinem Bauchgefühl vertraute

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  1. Ich bin stolz auf Dich! Und wage es ja nicht, jemals zu zögern um mich um Hilfe oder Rat zu bitten!
    Ach ja, der Campingplatz ⛺ war eine gute Idee… Wer dich wohl darauf gebracht hat?! 😉

    Gefällt 1 Person

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